Allgemeine Belletristik



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Isenhart von Holger Karsten Schmidt
Gestern beim Bücherstammtisch fragte ich meine Sitznachbarin: *Was Liest Du gerade?*
Ihre Antwort: *Ich quäle mich gerade durch Isenhart.*
Meine Antwort:*Ich auch.*
Obwohl das Buch sehr viele Themen anspricht:
Religion : Darf ich mit dem mir von Gott gegebenen Verstand über Dinge nachdenken, die die Kirche verbietet?)
Ethik: Darf ich für die neue Erkenntnisse in der Wissenschaft Menschenleben opfern?
Geometrie und Mathematik: Wie kann ich Entfernung und Höhe eines Gegenstandes messen?
Physik: Warum fliegen Vögel, warum kann der Mensch nicht fliegen? Ist es Gottes Wille oder dürfen wir versuchen, die Vögel nachzuahmen?
Naturwissenschaften: Warum verlieren die Bäume im Herbst ihre Blätter
Historische Entwicklungen: Medizinische Entdeckungen, Einführung des Dezimalsystems, Schilderungen der Kreuzzüge und des Rittertums.
Aber gerade diese Vielfalt an Themen macht das Buch so schwierig. Der Autor wollte ein Buch schreiben, dass sich von der Masse abhebt, dass intelligent daherkommt und den Verstand fordert. Das ist ihm sicherlich gelungen, doch damit hat er eine Vielzahl von Lesern abgeschreckt, die einfach nur einen historischen Kriminalroman lesen möchten.
Denn: Eigentlich geht es um eine Kriminalgeschichte.
Anna, die erste Liebe des Hauptprotagonisten Isenhart wird ermordet und ihr wird das Herz herausgeschnitten. Was am Anfang wie eine Einzeltat eines fahrenden Händlers erscheint, entpuppt sich im Laufe vieler Jahre als eine Mordserie. Isenhart widmet sich der Aufklärung dieser Mordfälle mit einem Verstand, der seiner Zeit weit voraus ist und vor keiner Grenze des Denkens zurück schreckt.
Ihm zu Seite stehen Konrad von Larin und Henning von der Braake sowie sein Mentor Walther von Acisberg. Konrad ist der Bruder Annas. Obwohl nicht mit dem gleichen Verstand gesegnet wie Isenhart, steht er ihm doch immer treu und tapfer zur Seite und kann ihn mit seinem kämpferischen Geschick oft aus einer mißlichen Lage retten. Henning ist ein Freund und Bruder im Geiste, der Isenhart auf seinen geistigen Höhenflügen jederzeit folgen kann und der Isenhart zu immer neuen Gedanken anregt und eine Herausforderung darstellt. Walther von Ascisberg ist sein Mentor, der früh erkannt hat, dass Isenhart außergewöhnlich ist und jede Förderung verdient. Er ist es, der den Burgherrn dazu bringt, Isenhart Unterricht zu erteilen und zu fördern, was damals einem Gemeinen nicht zustand.
Der Versuch der Aufklärung des Mordes führt die Freunde bis in das ferne Toledo und Isenhart erfährt nach und nach mehr über seine Geburt, seine Herkunft und sein Wesen. Die Suche nach dem Mörder ist auch eine Suche nach sich selbst und seinen Wurzeln.
Das Buch wurde schon verfilmt und ich hoffe, dass sich der Film auf die Essenz des Buches, den Kriminalfall, konzentriert und alle anderen Nebenschauplätze außen vor läßt, die das Buch schwierig, komplex und teilweise sehr langatmig machen.
Dazu kommt, dass der Autor sich ständig wiederholt und längst bekannte Tatsachen immer und immer wieder zu Papier bringt, damit dem Leser auch wirklich nichts entgeht. Ohne diese Redundanz hätte das Buch gut 300 Seiten weniger haben können und wäre wesentlich spannender geworden. Auch die vielen Nebenhandlungen, die von der eigentlichen Geschichte ablenken, hätte man durchaus reduzieren können, da sie nichts zum Thema beitragen, sondern nur immer wieder betonen wie einzigartig, genial und seiner Zeit voraus Isenhart eigentlich ist.
Ich bewerte das Buch mit 6 von 10 Sternen. Die Aufmachung des Buches ist schön, der Schreibstil und die beschriebenen Szenen der Zeit entsprechend teilweise grausam und vulgär aber alle in allem denke ich, man sollte sich auf das Buch einlassen.
Titel: Isenhart
Autor: Holger Karsten Schmidt
Verlag KIWI, TB, 864 Seiten
ISBN: 978346204393 
6 von 10 Sternen 
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Marina von Carlos Ruis Zafon

Jetzt habe ich das Buch vor zwei Tagen beendet und weiß immer noch nicht so recht, wie ich die Rezension dazu schreiben soll. Eine Inhaltsangabe möchte ich nicht schreiben; was der Autor in  wunderbaren Wort beschreibt, macht mich sprachlos und unfähig, die Handlung in eigene Worte zu fassen. Ein Lob auch an den Übersetzer, der es geschafft hat, die Dichte und Atmosphäre des Romans in unsere Sprache zu übertragen. Als Beispiel:“ ..war ich überzeugt, dass dies der seltsamste Tag meines Lebens gewesen war. Aber hätte ich eine Karte für eine Wiederholung kaufen können, ich hätte es ohne zu zögern getan“….ich könnte das halbe Buch zitieren, so wunderbare Sätze finden sich darin.

Ich kannte bisher kein Buch von Zafon. Die Leseprobe war wunderschön, sprachlich mehr als beeindruckend und wirkte wie ein warmer Frühlingsregen.
Genau so fing das Buch auch an. Oscar trifft Marina und diese Begegnung wird sein Leben für immer verändern. Er, der unsichere,  unbeholfene Teenager, sie die wie eine zarte Elfe wirkt und mehr vom Leben zu wissen scheint, als er je erahnen kann. Marina und ihr Vater German leben in einer alten Villa ohne Strom und genügen sich selbst. Oscar wirkt am Anfang wie ein Außenseiter und er ist fasziniert von dieser anderen Welt und anderen Lebensart, er steht wie unter einem Bann und wird immer mehr in die Welt der beiden hineingezogen, die jedoch auch voller Geheimnisse ist und ihre Schattenseiten hat..
Zafon beschreibt die Begegnung zwischen Marina und Oscar und German und Oscar in wunderbaren und treffenden Worten. Seine Vergleiche und sein Umgang mit der Sprache sind unübertroffen, sprechen das Innerste an und beflügeln die Vorstellungskraft des Lesers. Doch mit dieser Sprachgewalt kann man nicht nur Schönes sondern auch Schreckensszenarien beschrieben und je weiter man sich als Leser in die Geschichte vertieft, desto bedrückender und beängstigender wird sie. Ist es am Anfang nur die Beobachtung der alten Frau auf dem Friedhof, so werden Marina und Oscar bald in grauenhafte Ereignisse hineingezogen, die ihren Ursprung in den 30er und 40er Jahren haben.
So, wie die Geschichte immer düsterer wird, wird auch die Szenerie in Barcelona immer düsterer. Die beiden Jugendlichen begegnen immer mehr Menschen, die wie Relikte aus einer alten Zeit erscheinen und wie Spinnen in ihren uralten Häusern leben, die ihre Geschichte der  Vergangenheit erzählen, als alles noch in Glanz, Prunk und Reichtum erstrahlt hat. Der Horror schleicht sich im Laufe der Geschichte immer mehr hinein und ehe man sich versieht, durchlebt man ein Szenario des Grauens. Wir sind für das Leben bestimmt, schreibt Zafon, nicht für den Tod. Und doch befasst sich die Hauptfigur mit dem Tod und dem wiedererwecken geliebter Verstorbener. Der Bezug zu Mary Shelley’s  Frankenstein ist sicher bewusst gewählt, sicherlich um zu zeigen, dass es nicht an uns ist, in den Plan Gottes einzugreifen.
Das Buch lässt mich etwas ratlos zurück, ich hätte am Ende wenigstens gerne gelesen, dass Oscar seinen Weg gefunden hat und ein gewisses Maß an Glück im Leben hatte. Doch leider bleibt dem Leser das weitere Leben des Oscar vorenthalten und wir bleiben traurig zurück.
Titel: Marina
Autor: Carlos Ruis Zafon
Verlag Fischer, TB, 349 Seiten
ISBN: 978346204393 
10 von 10 Sternen 
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